Viel Wind um wenig Wirkung – Trittbrettfahrer im Hype um Hanf

Rotes Kreuz warnt vor Absenkung der Einstiegsschwelle für psychoaktiven Cannabis

Modegetränke und Gesundheitsöle, Bonbons oder Schokolade, aber auch Kaugummis.
Überall da, wo das Cannabisblatt auf der Verpackung prangt, rollt der Rubel. Verborgene
Sehnsüchte nach Anflügen von Rauscherlebnissen werden geweckt, der legale Bezug befeuert
die Kauflaune. Doch der in diesen Produkten enthaltene THC-Gehalt, der für die
psychoaktive Wirkung verantwortlich ist, liegt bei maximal 0,2 Prozent. Er ist also
verschwindend gering. Sonst kommen die Mittelchen nämlich nicht in den legalen Markt.
Hochgefühl und High-Sein werden somit auf der Strecke ausgebremst. Doch die Strategie der
Werbestrategen funktioniert.


Sobald das Wort Hanf auftaucht, scheinen Preisaufschläge von 100 Prozent und mehr normal
und werden auch gezahlt. „Das ist aus meiner Sicht pure Abzocke, aber das Problem liegt
woanders“, sagt Diplompsychologin Zorica Fritsch, die im Suchthilfezentrum des Roten
Kreuzes in der Drogenberatung arbeitet: „Der Hype um diese Produkte könnte zur
Verharmlosung von Cannabis als Droge führen. Besonders bei Jugendlichen und jungen
Erwachsenen sehe ich hier eine Gefahr. Softdrinks oder auch Schokolade sind ja auch
Kindern zugänglich. Da erkennen wir eine problematische Einstiegstoleranz.“
Zudem gebe es nur wenige Produktkontrollen. Deshalb sei unklar, ob der THC-Gehalt
tatsächlich unter den vorgeschriebenen 0,2 Prozent liege. Doch sind auch für Scharlatane Türe
und Tore geöffnet: „Ob Cannabis-Öl, das man in manchen Drogerien und Apotheken
bekommen kann, nun tatsächlich nennenswerte Mengen Cannabidiol (CBD) enthält oder nur
das schillernde Produkt einfacher Pressware aus Nutzhanf ist, aus dem man früher
Dichtmaterial für tropfende Wasserhähne gedreht hat, ist oftmals fraglich. Da erwerben die
Käufer praktisch sehr teures Salatöl“, ergänzt Sozialarbeiter Horst Weigel, der für die
Drogenprävention beim Roten Kreuz zuständig ist. Was aber ist Cannabidiol?
Diesem Bestandteil der Hanfpflanze werden medizinisch schmerz-und
entzündungshemmende Eigenschaften sowie eine angstlösende Wirkung zugeschrieben. Auch
antiasthmatische Effekte sind benannt. Es hat keine berauschende Potenz und laut
Weltgesundheitsorganisation (WHO) weder ein Missbrauchs- noch Abhängigkeitspotenzial.
Bei purer Verwendung werden auch Entzugserscheinungen oder gesundheitliche Folgen
verneint. Zudem bleibt die Verkehrsfähigkeit enthalten. „Dabei gab es aber schon Fälle, in
denen bei polizeilichen Kontrollen die Tests wie bei illegalem THC-Gebrauch, also
Marihuana oder Haschisch, angeschlagen haben. Dann kann man schnell in Erklärungsnöte
kommen“, berichtet Weigel. CBD-Produkte könnten in Deutschland als
Nahrungsergänzungsmittel zugelassen werden. Dafür wären dann die Bundesländer
zuständig. Eine Wirkung müsste nicht nachgewiesen werden, jedoch dürfte auch nicht mit
einer solchen geworben werden. Dies ist jedoch rechtlich noch nicht geklärt.
In manchen Alpenländern gibt es Bonbons mit Hanfsamenextrakt. Eine jener Marken
beschreibt auf der Verpackung den berauschenden Mango-Geschmack. „Da merkt man, wie
Worte wirken können. Das Produkt ist natürlich nicht günstig. Zudem besteht auch hier die
Gefahr des Herabsenkens der Einstiegschwelle für psychoaktiven Cannabis“, kommentiert
Fritsch. Somit erinnern die beiden Fachleute an mögliche Gefahren dieser harmlosen
Erzeugnisse und betonen das eventuelle Gefährdungspotenzial für Jugendliche und Kinder.
Informationen erteilen die Suchtberatungsstelle des Roten Kreuzes unter Tel. 06062 / 607-70
sowie die DRK-Fachstelle für Suchtprävention unter Tel. 06062 / 607-75.