Stippvisite beim Steppke

Mitarbeiter des Rettungsdienstes besuchen ihren Buben

Als am Samstag, dem 16. Juni, Rettungsassistent Harald Will und Rettungssanitäter Stefan Kantner über Funk von der Rettungsleitstelle wegen eines Notfalls angesprochen werden, ist das für die Profis nicht Besonderes. Das kommt ständig vor. Kein Grund zur Anspannung. Sie befinden sich zu dieser Zeit auf Wachverlegung nach Gersprenz und passieren gerade Brensbach. Jetzt krabbelt der Puls etwas nach oben, in den Adern kitzelt das Adrenalin: einsetzende Geburt in Reichelsheim!

Kein Grund zur Aufregung. Meist hat man noch Zeit und der Transport der Schwangeren in die Klinik vollzieht sich ohne Zwischenfälle. Dies sagen die Erfahrungswerte. Trotzdem sind Sonderrechte angesagt, man weiß ja nie. „Fruchtwasserabgang. Schneller werdender Rhythmus der Wehen“, schickt die Leitstelle hinterher.  

Als die beiden nach wenigen Minuten an besagter Adresse eintreffen, werden sie von der Mutter der Schwangeren auf der Straße  bereits sehnsüchtig erwartet. „Schnell, das Kind ist gerade gekommen!“ ruft sie den Rettern entgegen. Nun mischt sich etwas Schweiß ins Gewebe der blauen T-Shirts des Teams. Okay, die Geburt scheint gelaufen. Doch was erwartet uns? Ist der Säugling gesund? Atmet der Neubürger? Unzählige Gedankensplitter und Eventualitäten schießen den geforderten Geburtshelfern durch den Kopf. 

Jetzt stehen sie vor dem Badezimmer. In überraschender Gelassenheit hält der frisch gebackene Vater den frischen Miron in den Händen, der über die Nabelschnur noch seine feste Mutterbindung genießt. „Er schlüpfte fast alleine heraus, da habe ich ihn gut festgehalten und leicht gezogen“, sprudelt es aus dem Papa hervor. Glückwünsche werden gestammelt. Jetzt muss etwas passieren. „Gott sei Dank hat der Bub geatmet und war rosig im Gesicht“, erinnert sich Stefan Kantner. Nun schnell die Nabelklemmen setzen. Prima, das hat geklappt. Ein Notarzt ist bereits unterwegs. Dann darf der Vater mittels der sterilen Schere die Nabelschnur durchtrennen. „Das hat etwas gequietscht“, weiß Harald Will. 

Schreit das Kind auch? Na, wo bleibt der erlösende Ton aus der Kehle des Knaben? Ja, da ist er! Warm einpacken und der Mutter auf den Bauch legen. Schnell sind die Standards abgerufen und der Neubürger gut angekommen. Wenig später tritt die Nachgeburt aus. Vollständig, so soll das sein. Jetzt trocknet der Schweiß und der Puls sinkt. Entspannung und Freude geben sich die Hand. Harald Will verdrückt eine Träne des Glücks. Der Notarzt füllt sein Protokoll aus und ohne Vorkommnisse fahren fünf begeisterte Menschen ins Gesundheitszentrum nach Erbach. Miron ist Kiesels zweites Kind. Übergabe. Kaffee und ein rekapitulierendes Gespräch. Trage neu beziehen, Verbrauch auffüllen und wieder einsatzbereit melden. Der Dienst nimmt seinen Lauf, eine zweite Geburt haben die kommenden Stunden nicht im Petto.   

Die Dankbarkeit der Mutter ist immens. Erika Kiesel hat heute den dreieinhalb Monate alten Miron auf dem Arm und überreicht ihren Geburtshelfern zwei weiße Bodys mit dem Fußabdruck des Buben. Auch das Geburtsdatum ist vermerkt: 16.6.21 steht da in blauen Lettern. Und selbstverständlich der Name Miron. Auch die Retter haben ein Präsent dabei für ihren Buben. 

„Ist das ein Hund oder ein Schaf?“, scheint der Knabe zu fragen. Man weiß es nicht. Jetzt heißt es abwarten, ob das Tierchen mäht oder bellt. Das wird Miron erfahren, wenn er mit ihm kuschelt. Harald Will und Stefan Kandler passen die zwei Strampler jedoch nicht. Doch auch kleine Gesten sind oft gute Gaben. Und da ist noch Erika Kiesels netter Dankesbrief, den Kantner und Will in Ehren halten werden…