Sag beim Abschied leise Servus

DRK-Kreisgeschäftsführer Holger Wießmann geht in den Ruhestand

Auch wenn er schmissige Marschmusik nicht verschmäht, ist sein Führungsstil nie durch Pauken und Trompeten geprägt gewesen. Da griff Holger Wießmann (64) stets in die Tasten des wohltemperierten Klaviers und pflegte ein harmonisches Dirigat. In schwierigen Situationen hatte er stets den Konsens gesucht und diesen fast immer gefunden.

Nach 22 Jahren als Kreisgeschäftsführer beim Deutschen Roten Kreuz im Odenwaldkreis verlässt der gebürtige Erbacher nun Ende des Monats den Wohlfahrtsverband, der mit aktuell rund 330 Angestellten dreimal so groß geworden ist, wie er zu Wießmanns Eintritt gewesen war.

Nach der Mittleren Reife an der Georg-Ackermann-Schule in Rai-Breitenbach absolvierte er eine zweieinhalbjährige Ausbildung bei der Polizei. Aufgrund gesundheitlicher Einschränkungen war eine Weiterarbeit dort nicht mehr möglich und Wießmann wechselte zum hiesigen Landratsamt, wo er zuerst auf dem Ordnungsamt eingesetzt war und als leidenschaftlicher Feuerwehrmann später mit vielfältigen Aufgaben des Brandschutzes betraut wurde.

Danach arbeitete er für die Dauer von 13 Jahren bei der Stadt Erbach, unter anderem als Stellvertreter des Hauptamtsleiters. Zu seinen Aufgaben zählte die Beschäftigung mit sozialen Angelegenheiten. Doch da war dieser unverwirklichte Traum: „Ich wollte eigentlich schon immer relativ frei und unabhängig arbeiten“, erinnert sich der künftige Pensionär.

Nach dem positiven Bescheid auf seine Bewerbung beim Roten Kreuz nach dem Hessentag im Juli 1998 nahm der Diplom-Verwaltungswirt seine Entlassungsurkunde als Beamter entgegen und widmete sich mit ganzer Kraft dem Wohlergehen seines neuen Arbeitgebers. „Aber immer mit dem Fundament loyaler und fachlich versierter Mitarbeiter. Denn ohne ein gutes Team geht dies nicht. Man muss beiderseits auf Vertrauen bauen können“, konstatiert der scheidende Chef, der im Verbands- und Vereinswesen zwar versiert war, aber zum DRK als Seiteneinsteiger kam und sich erst einarbeiten musste.

Einmal wäre er beinahe aufgrund seiner Kandidatur als Bürgermeister der Kreisstadt abtrünnig geworden. „Aber das hat glücklicherweise nicht geklappt“, schmunzelt Friedel Weyrauch, Bundessprecherin der Selbsthilfegruppen im Roten Kreuz, die Wießmann so charakterisiert: „Ich habe ihn stets vorurteilsfrei erlebt. Immer war er offen für Neues. Mit seiner Hilfe ist es gelungen, die Selbsthilfegruppen als festen Bestandteil im Verband zu etablieren. Mit seinem warmherzigen, freundlichen und kooperativen Leitungsstil war Holger Wießmann nicht nur als Chef kompetent, sondern immer auch als Mensch sichtbar.“

Auch Elisabeth König, die im Abrechnungswesen der Geschäftsstelle tätig ist, hat ihren Vorgesetzten stets als empathisch und den Menschen zugewandt empfunden. Dies attestiert ihm auch DRK-Vorsitzender Georg Kaciala: „Mich verband mit Holger Wießmann eine vertrauensvolle Zusammenarbeit, ich konnte mich immer auf ihn verlassen. Seine besonnene Arbeitsweise und soziale Kompetenz zeichneten ihn in dieser Position aus.“ Betriebsratsvorsitzende Andrea Kummer spricht von respektvoller Kommunikation auf Augenhöhe, auch wenn man fachlich öfter mal verschiedener Meinung war. Ellen Löb, langjährige Vorsitzende in diesem Gremium und im Betrieb für die Mitgliederverwaltung zuständig, spricht, trotz zwangsläufig manchmal unterschiedlicher Positionen von einer kollegialen sowie vertrauensvollen Zusammenarbeit und sagt: „Seine Menschlichkeit wird uns fehlen.“

Als besondere Erlebnisse in seiner Zeit als Kreisgeschäftsführer erwähnt Wießmann einen Besuch mit der Verpflegungsgruppe Beerfelden in Prag, wo man die Feierlichkeiten zum 25jähigen Jubiläum der Grenzöffnung beging. „Wir durften unter Anwesenheit von Hans-Dietrich Genscher und Außenminister Frank-Walter Steinmeier das Rote Kreuz repräsentieren. Da haben wir Zeitgeschichte miterlebt.“ Ebenso die Flüchtlingskrise 2015 mit dem quasi aus dem Boden gestampften Notaufnahmelager in Erbach hat ihn nachhaltig geprägt. „Wir haben das gut hinbekommen, Haupt- und Ehrenamt hat prima zusammengearbeitet und auch die gegenseitige Unterstützung durch den Odenwaldkreis und anderen Hilfsorganisationen hat prima funktioniert.“

Während seiner Zeit als Kreisgeschäftsführer wurden stabile finanzielle Verhältnisse mit einer Umsatzverdopplung geschaffen, neue Rettungswachen gebaut, ein Bürotrakt für die Freiwilligendienste erworben und umgebaut sowie der Ankauf und die Umwandlung des Gebäudes der Volkshochschule zum Selbsthilfe- und Suchthilfezentrum realisiert. Ebenso wurde die Kreisgeschäftsstelle renoviert. „Dass dies alles gelingen konnte, ist auch auf die sehr gute und vertrauensvolle Zusammenarbeit mit den Entscheidungsträgern im Vorstand zurückzuführen“, unterstreicht Wießmann.

Vier Jahre war Holger Wießmann Rotkreuzbeauftragter gewesen, hatte zeitweise den Vorsitz in der Liga der Freien Wohlfahrtsverbände inne und ist nach wie vor als ehrenamtlicher Richter am Sozialgericht in Darmstadt tätig. Die zahlreichen Fortbildungen waren eine Selbstverständlichkeit. Auf seine Initiative wurde der Secondhand-Kleiderladen Modetruhe gegründet und die DRK-Schatzkiste mit vielfältigen Haushaltsartikeln zu günstigen Preisen aus der Taufe gehoben.

Besonders betont der baldige Ruheständler die gute und vertrauensvolle Zusammenarbeit mit seiner ehemaligen Sekretärin Rosi Geist, von deren Wissen er profitieren durfte, und die vorbildliche Arbeit deren amtierender Kollegin Sabine Münne.

Und was kommt jetzt? „Wir werden nach Michelstadt ziehen, auch viel mit unserem Hund und dem Wohnmobil unterwegs sein. Zudem wollen wir unsere Datsche am Greifswalder Bodden öfter aufsuchen. Außerdem lieben meine Frau und ich ab und an mal eine Kreuzfahrt. Und den Jakobs-Weg möchte ich irgendwann bewandern!“ Vorhaben, die den Vergleich mit Pauken und Trompeten an dieser Stelle gewiss nicht scheuen.

Aufgrund von Corona wird die offizielle Verabschiedung verlegt und Wießmann sagt zum Abschied eher leise Servus. Im Januar 2021 übernimmt Frank Sauer dessen Aufgaben im DRK-Kreisverband.