„Blaue Nacht am Hafen?“

Zoll setzt karitative Polizeimission in Tanger fest – Rainer Miksch vom DRK folgt der Vernunft

„Ein Eselskarren auf einer Sandpiste in Nordafrika. Das ist nichts Besonderes. Tagsüber. Doch auch nachts bei nicht vorhandener Streckenbeleuchtung und ohne eigenes Licht sind diese Gefährte unterwegs. Da heißt es höllisch aufpassen. Plötzlich taucht so ein Gespann vor den Scheinwerfern auf und man muss reagieren. Ist die Straße ausnahmsweise asphaltiert, sollte man extrem langsam fahren, damit man nicht in eines der vielen metertiefen schwarzen Löcher fällt, die einen kompletten Krankenwagen schlucken können und nie beschildert sind“, erzählt Rettungsassistent und Kraftfahrzeugmechaniker Rainer Miksch vom Roten Kreuz im Odenwaldkreis, der als technischer Betreuer der International Police Association (IPA), einem Zusammenschluss europäischer Polizeibehörden, ins bitterarme Gambia in Westafrika unterwegs ist. Dorthin bringt die aus zirka 70 Polizisten aus vier Ländern bestehende karitative Karawane unter dem Namen „Operation Zephyr“ rund 25 Feuerwehr- und Rettungswagen als Spende zum Aufbau einer rettungsdienstlichen Infrastruktur. Als Ausbaufachmann von wüstentauglichen Off-Road-Automobilen kennt der Rotkreuzler die Verhältnisse.  

Techniker im Einsatz

Über sein Smartphone hält er Kontakt zum Arbeitgeber und berichtet in regelmäßigen Abständen vom aktuellen Verlauf der humanitären Reise. Bereits am zweiten Tag auf der Höhe von Valence im Tal der Rhone sind die Kenntnisse des Kollegen vom DRK gefragt, denn während eines Tankstopps fällt ein heiß gelaufener Zwillingsreifen des mitgeführten Magirus Deutz von der Feuerwehr auf und muss gewechselt werden. Repariert werden soll dieser in Marokko. „Mit nur einem Ersatzreifen durch die Wüste zu fahren, ist nämlich zu gefährlich“, rapportiert Mechaniker Miksch. Schon kurz hinter der spanischen Grenze setzt er flugs die defekte Batterie eines Begleitfahrzeuges instand, die am Überkochen ist. „Wohl dem, der einen Techniker im Team hat!“, kommentiert anerkennend sein Beifahrer Hauptkommissar Michael Ensinger von der bayerischen Polizei.   

Am Etappenziel Murcia, jener fast 500.000 Einwohner zählenden Großstadt im Südosten des Landes, nimmt man Quartier in der zentralen Polizeiwache. Annähernd 600 Menschen arbeiten hier im Schichtrhythmus. Integriert ins Gebäude sind auch der Rettungsdienst und die Feuerwehr. Sporträume, ein Museum der Polizeigeschichte der Kommune und eine fantastische Tapas-Bar. Michael Ensinger ist begeistert. „Owa a scheens Weißbier hams hoid ned“, schmunzelt der Mann aus dem Innenministerium in München. 

Am Morgen rollen die Wagen weiter. Gibraltar, letzter Haltepunkt in Europa, lautet das Tagesziel. Einchecken in der unweiten Küstenstadt Tarifa. Enormes Tohuwabohu im großen Hafen vermischt mit turbulenter Geschäftigkeit. Das Registrieren auf dem Schiff gestaltet sich bürokratisch. Von wegen komfortable Fähren: „Wir sind auf einem ziemlich abgetakelten Kahn gelandet“, vermeldet Miksch. Die nächtliche Passage durch die Straße von Gibraltar ist beeindruckend. Besonders der rege Verkehr riesiger Tanker imponiert den Reisenden in Sachen Humanität. An Bord checkt der Mechaniker vom Roten Kreuz die mitgeführten Fahrzeuge auf die wichtigsten Funktionen. Rund 40 Kilometer misst die Seestrecke nach Afrika. 

Anlegemanöver der Autofähre im marokkanischen Tanger. Noch ist alles gut. (Foto: DRK Odenwaldkreis / Rainer Miksch)

Zwangsstopp in Marokko

Nach Verlassen des „Seelenverkäufers“ stranden Personen samt Pulk im Zollgelände von Tanger, jener fast eine Million Einwohner zählenden größten Küstenstadt Marokkos. Nun ist eine Zwangspause angesagt. Denn trotz des offiziell bescheinigten karitativen Zwecks der Reise, werden sämtliche Fahrzeuge durchsucht. Drogenschmuggel der Polizeibehörden? Dummerweise haben die Briten nicht deklarierte Schutzausrüstung dabei: Schlagstöcke, kugelsichere Westen und Handschellen. Wohl als Geschenke für die Kollegen in Gambia gedacht. Auf Nachfrage wurde dieses Gepäck jedoch nicht angegeben. Jetzt schnüffeln  Hunde durch jeden der Wagen. 

Ausharren lautet das Motto. Keine Abfertigung an einem Sonntag. Ein verlorener Tag? Der Chef der Briten schaltet die gambische Botschaft ein. Die Marokkaner verlangen eine offizielle Einladung des gambischen Staatsoberhauptes Adama Barrow. Michael Ensinger telefoniert mit dem Auswärtigen Amt der Bundesrepublik Deutschland. Die Nerven des Teams sind bis zum Zerreißen gespannt. „Wollen die etwa eine dezente Spende?“, fragt sich Miksch. Auch der deutsche Honorarkonsul ist unterdessen involviert. Die Wartezeit beträgt mittlerweile über 30 Stunden. Der Zeitplan existiert nicht mehr. Und die Quälerei nimmt kein Ende. Die lokalen Behörden arbeiten mit Ultimaten: Das Team muss innerhalb von zehn Minuten das gesamte Inventar bis zu letzten Mullbinde auflisten. Der Tag ist verloren, die blaue Nacht am Hafen laut. An Schlaf ist nicht zu denken. „Ein Truck nach dem anderen drängt auf die Schiffe, Druckluftgezische und wildes Hupen. Ordner schreien Anweisungen, Dieselabgase wabern über den Platz und die nagelnden Motoren hämmern ein nervendes Stakkato. Es stinkt überall nach Urin“, schildert der Begleiter vom Roten Kreuz. 

„Diese Verdammung zur Untätigkeit zermürbt“, berichtet Rainer Miksch, der als technischer Begleiter die Reise nach Gambia begleitet. (Foto: IPA)

In den frühen Morgenstunden des zweiten Zwangstages verhindern dann von Staplern angelieferte Poller aus Beton die wohl befürchtete Flucht der IPA-Leute. Zöllner wollen das Team in einem Bus vom Gelände fahren, um ungestört stöbern zu können. Man weigert sich. Der Beamte aus München telefoniert mit der deutschen Botschaft. Ohne Ergebnis. Nahrung und Wasser werden knapp. Plötzlich hat ein neuer Mann das Sagen. Und der weiß von den Anordnungen seines Vorgängers nichts, wundert sich nur, weshalb diese ganzen Menschen im Hof seiner Behörde ihre Zelte aufgeschlagen haben. Er befiehlt: Sämtliche Fahrzeuge müssen via Röntgenstrahlen durchleuchtet werden. Nebenbei wird dem begleitenden Kameramann von einem Wachmann ein Gewehr zum Kauf angeboten. Der Irrsinn nimmt kein Ende, die Mannschaft ist am Verzweifeln. 

Ausstieg

War es dies nun gewesen? Für Mechaniker Miksch vom Roten Kreuz, drei Polizisten und den beauftragten Kameramann, ja. Sie steigen aus. „Der Zeitplan ist futsch, wir wurden drei Tage an der Nase herumgeführt. Die anderen hetzen, falls sie das Zollgelände jemals verlassen können, im Eiltempo nach Gambia. Das bedeutet noch zwei Grenzen und risikoreiche Fahrten bei Nacht. Ein gefährliches Unterfangen. Jeder Afrikareisende rät dringend davon ab. Wir hoffen, dass das gut geht“, sagt der Techniker vom Roten Kreuz, greift seinen Koffer und besteigt kurz darauf eine spanische Fähre nach Algeciras. Schlechtes Gewissen? „Ein bisschen schon, aber unter diesen Voraussetzungen muss die Vernunft die Leitlinie sein.“